| Meckermann (April 2002) | |||
| Meckermann 1.4.2002 (Objekt und Photo Meckerfrau) | |||
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Natürlich, Meckermanns Vater wusste das schon, und der wusste viel als Coiffeur in einer Arbeiterstadt, gehören zu einem Meinungs- oder Informationsaustausch immer wenigstens zwei Beteiligte. Früher nannte man das Kommunikation, zwischenmenschlich oder zwischengeschäftlich. Einer schrieb oder sprach oder trommelte. Der andere antwortete, per Brief, redend, mit der Trommel. Der Kontakt war hergestellt und konnte erweitert oder abgebrochen werden. Aber, so Meckermanns Vater, antworten müsse man schon, wenigstens ein einziges Mal. Das verlange die Höflichkeit, und das war Vater Meckermann nicht erst seit der Lektüre des Knigge bekannt. Leider kennen viele unserer PR-Agenturen den ollen Knigge eben nicht mehr. Dabei war Adolph Freiherr Knigge ein Mann, der trotz seiner Benimm-Dich-Marotten viele unserer PR-Tanten flach gelegt hätte - nicht so, wie Sie jetzt denken - sondern nur mit seinem Charme und dem Wissen, wie er sich zu benehmen hat. Und er wäre nie auf die Idee gekommen, Anfragen unbeantwortet zu lassen, Liegewiese hin, Arbeitsaufwand her. Was für den Freiherrn und für Meckermannvater eine Selbstverständlichkeit war, nennt sich heute Unternehmenskultur. Die wird hier gehegt, dort gepflegt, mal gehätschelt, mal getätschelt. Und es gibt sogar Unternehmen, die sich dafür eigene Kulturmanager leisten oder diese wenigstens in Form von PR-Agenturen anmieten, hoffend, dass damit endlich Ordnung in den Augias-Schuppen komme. Seneca sagte: "cloacas Augeae purgare" und meinte damit das Gleiche. Und wenn schon, dann gibt das firmenkulturbewusste Unternehmen neben den "öffentlichen Beziehungen" folgerichtig auch die "Press"- und die "Media"-Belange nach aussen ab, die werden ja bezahlt, die sollen sich drum kümmern, und wenn sie nichts machen, verdienen sie auch nichts. Das führt in sehr vielen Fällen zu Meckermanns Lieblingsbeschäftigung, dem alltagsmorgendlichen Pressemitteilungslesen. Zuerst jene im Email. Dann die vom Fax. Schliesslich jene aus dem Postfach, Mittagessen ist angesagt, vorher noch drei SMS-Pressemeldungen auf dem Handy-Display entziffern. Tagesschau wie früher die Nachrichten von Beromünster. Pünktlich zur warmen Suppe. Dann die Morgenzeitungen lesen und entdecken, dass manche der aktuellen brieflichen Pressemitteilungen bereits in der Zeitung stehen. Das macht Freude. Aber Meckermann denkt da an seinen Vater und schweigt wie der Freiherr. Denn die PR-Agenturen werden am Erfolg gemessen. Deshalb beginnen immer mehr Pressekonferenzen bereits um sieben Uhr am Morgen - man will dem Journalisten ja etwas bieten. Pressefrühstück nennt sich das. Meckermann hat sich gerade nochmals im Bett umgedreht. Und erstaunt festgestellt, dass er viele dieser äusserst wichtigen Meldungen wie etwa "Wir trotzen dem Untergang" oder "Mit Fleiss in den Aufwind", wie "Nobody is perfect - we are" oder "Trotz Krise mit Turbo weiter fahren" gleich in mehrfacher Ausführung erhält. Per Fax in der Nacht, per Mail am Morgen und per Briefpost am Tag drauf. Macht in der Erfolgskontakt-Abrechnungsbuchhaltung drei Pluspunkte mehr. Aus hundert reellen Ansprechpartnern werden deren 300 virtuelle. Was will der Kunde sehen? Arbeit, Leistung, Erfolge. Da sind doch dreihundert Pressekontakte besser als nur hundert. Meckermann hat mehrmals versucht, solche Dreifachlieferungen mittels Email und der Bitte, als IT-Unternehmensvertretung doch auch die eigene Datenbank besser zu pflegen, zu stoppen. Das hat aber zu Verwirrungen geführt - den mehrfach bekam Meckermann dann gar keine Meldung mehr und die Lady von der Post war froh, sich am frühen Morgen nicht sechsmal öfters für Meckermanns Postfach bücken zu müssen, um den gleichen Brief einzulegen. Öfters hingegen trat der Fall ein, dass Meckermann weiterhin seine dreifachen Meldungen erhielt, und dazu eine vierte vom gleichen Absender, jetzt scheinbar nach Vornamen sortiert, die Datenbank, also werden aus den hundert reellen und dreihundert virtuellen Kontakten plötzlich deren vierhundert. Erfolgsbasierende Abrechnung nennt sich das. Äusserst wichtig im Leben eines Schreiberlings sind natürlich auch die nationalen und internationalen Newsdienste, die da schon nach ADSL geschrieen haben, als Meckermann noch mit dem V.90 Modem arbeitete. Diese armen Kollegen kriegen das Material ebenfalls, meist per Mail. Einmal an die Redaktion. Je einmal an jeden bekannten Mitarbeiter des Newsdienstes. Einmal als Sicherheitskopie für das Archiv. Rechnet Meckermann nach, kommt er alleine schon national, die Nachrichtenportale und Portalchen mit eingerechnet, auf gegen 800 Kontakte. Nicht zu vergessen ist hier der Potenzialeffekt: Alle diese Newsdienste senden die bereits am Morgen von der PR-Agentur erhaltenen Meldungen nochmals an Meckermann. Menschenskind: Meckermann weiss nun wirklich, dass der Swisscom-Alder auf einigen Milliarden sitzt und keine Idee hat, wie er das Geld sinnvoll verplempern soll. Die Swiss scheint ja saniert... Nun kommt wieder der Freiherr Knigge ins Spiel. Denn diese Erfolg versprechenden Agenturen sind ja meist auch für Pressekontakte zuständig. Als Ansprechpartner, kompetent, wenn nicht, als Vermittler eines kompetenten Ansprechpartners. Denn so eine Anfrage ist ja wie eine Reaktion auf irgendwelche getätigten Bemühungen, und seien es nur die drei Briefe, zwei Faxe und sechs Emails mit der Überschrift: "DVD sieht gleich aus wie eine CD, aber...". Da hat einer auf das Bombardement reagiert, geantwortet, das darf als erfolgreicher Lead verbucht werden. Gibt zehn Punkte auf der Erfolgsabrechnung. Nur wartet Meckermann halt Wochen auf eine Antwort betreffend Datenblätter zu einem Produkt für eine Übersicht. Und die kommen nicht, es sieht so aus, als wären die Prospektlager leer. Noch ein Mail, nochmals eine Anfrage. Keine Antwort, keine Reaktion. Die Leute, so Meckerfrau, seien halt ausgelastet. Sie müssen Pressemitteilungen schreiben. Drucken. In Acrobat einbinden. Versenden, rum faxen, durchmailen. Meckermann nennt das Einwegkommunikation. Meckermanns Vater würde von Unhöflichkeit sprechen. Morgen kommt sicher wieder Post. Ein dickes Buch, der neue Knigge, zur Besprechung. Soll Meckermann gleich ein Dutzend dieser Benimm-Dich Bibeln bestellen, um sie bei Bedarf zu versenden? |
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