Meckermann (Juli 2002)
 
Meckermann 1.7.2002
 
Herren mit Stiefeln

Die Expo steht so am Schluss des ersten Drittels. Zeitmässig. Langfristig gesehen wird kaum jemand noch davon sprechen. Warum auch – Volksfeste gibt es in jedem Dorf. Ohne Eintritt. Ohne die schwarzen Hilfsdienste, die sich da auch als Ersatzpolizisten tarnen. Aber sie haben die schwarzen Stiefel an, das erinnert jeden Grenadier an seine Rekrutenschule und auch an seine Wiederholungsdienste. Allgegenwärtig.
 
Diese „freiwilligen“ Sheriffs sind aber keineswegs nur an der Expo – dort zwar gehäuft, geballt und fast schon als Besucher zu zählen – zu finden. Man gehe mal (erst nächstes Jahr wieder möglich) ans Albanifest nach Winterthur. Eine Altstadt voll mit Buden. Gebratene Ferkel am Spiess, gebratene Schafe (von Lämmern kann Meckermann bei dieser Grösse nicht reden) auch am Spiess. Thailand, China, Japan, Speisen auch aus Argentinien, ein Zelt nur für die Brasilianer (wegen der WM) und mitten im Getümmel, das vor allem Eltern mit Kleinkindern anzieht, patrouillieren jene Stiefel, die Meckermann seit den Erzählungen seiner Eltern so hasst: Glatzköpfe, selbst geschoren, mit Jacken, die Meckermann im Winter auf dem Eigergletscher anziehen würde, und die Stiefel tragen selbst bei 28 Grad Celsius auch die Glatz-Köpfe in der Steinberggasse. Dabei gibt es hier wirklich nur Papa und Mama und den Kinderwagen, neuerdings als Ferrari oder Porsche im Miniformat bekannt. Oder Väter, die stolz das Baby auf den Schultern durch die Massen bugsieren, ohne Rücksicht auf Verluste, Baby oben, Ellenbogen raus, und schon ist eine halbe Gasse frei. Voraus eilt Mama, Sonnenschirm als Schutzschild, Spazierstock als Lanze. All das müssen die Herren in den Stiefeln bewachen, beschützen. Überwachen natürlich auch.

Denn es könnte da ja einer sein, der so einer Mami den Stock abnimmt. Oder dem Papa den Arm ein bisschen zurück drückt, denn jeder Mensch hat wenigstens das gleiche Recht wie ein Tier – ein paar Quadratmeter Lebensfreiheit. Richtig so. Nur seltsam, dass diese Schwarzstiefler dann höflich und sehr nett die anderen Schwarzstiefler, jene ohne die Hilfspolizistenuniform, auch nicht bewaffnet, es sei denn, ein Baseballknüppel falle unter das Waffengesetz, oder eine Schlagkette unter den Begriff Angriffsgegenstand, grüssen, ihnen quasi den Hof machen, hello friends. Liegt das nun wirklich nur an den schwarzen Stiefeln, fragt Meckerfrau?

Diese schwarzen Stiefel trampeln sich inzwischen, wenn auch anders genannt, auf die schweizerische Politebene ein. Schade, lieber Moritz Leuenberger, dass Dich die Macht der Lastwagenfahrerstiefel auf die Knie zwang, schade, dass Du die Gotthard-Dispens – wohl gegen Deinen Willen – aufgegeben hast. Die schwarzen Stiefel der LKW-Lobby haben zugeschlagen. Und jetzt ist der Gotthard wieder offen. Bis zum nächsten Unglück. Dann aber, lieber Moritz, sagen wieder alle, dass Du das verfügt hast. Und Du bist dann der böse Moritz und der böse Max ist wohl das Volk von Uri und dem Tessin, das da nicht viel Freude dran hat. Aber fast mitmachen muss. Eben. Diese Kompromisse....
Meckermann verweist hier auf die Website www.kritiker.ch , dort wird gerade abgestimmt, ob Lastwagen auf die Schiene gehören. Abstimmen. Noch ist die Site von den Schwarzstieflern befreit.

Doch da will sich der Bund ja eine eigene Truppe zusammenstellen. Schwarze Stiefel in weissen Strandlatschen, mit Krawatte, aber Hawaihemd. Die sollen das Internet auf verdächtige Sites durchforsten. Meckermann, der in der Kanti in Mathematik etwa so gut war wie heute im Auto reparieren, also eine reine Null, hat trotzdem nachgerechnet. Weltweit etwa 400 Millionen Sites. Neun Mann (vielleicht ist auch eine Frau dabei?). Und täglich werden es mehr Sites. Und dann kam da eine Zahl raus, die Meckermann verwunderte: Selbst Oldie Merlin wurde nie so alt wie einer jener, der einen Bruchteil dieser Sites prüfen darf. Folgt: Irgendwer rechnet da falsch. Oder auf Jahrhunderte – immer noch falsch – im Voraus. Die schweizerischen Sheriffs im Web, getarnt als Bundesbeamte, Sandalen statt Stiefel, und ohne Wyatt Earp Colt, dafür mit Decodern ausgestattet, plus Nachtzuschlag, denn dann ist was los im Web. Pizzakurier wird bezahlt, vom Volk natürlich, aber nur indirekt, die sinnlose Sucherei auch, die Löhne auch. Und wohl auch die Sandalen, die zur Uniform gehören.

Damit zurück zur Expo, diesem Vielfrass unserer Steuergelder, der inzwischen selbst die Bratwurstpreiskontrolleure mit Stiefeln versehen hat, damit sie nicht zwischen Colabüchsen, Bierbechern und ausgelutschten Eisbechern ausrutschen. Und auch zu den Stiefelträgern, die an den Eingängen kontrollieren, ob da vielleicht jemand seinen Wodka selbst mitbringt oder seine Pipe samt Stoff mit sich trägt. Meckermann merkt sich: Die Expo ist Heiliges Land. Alles, was überall erlaubt ist, wird dort verboten. Und alles, was verboten ist, bleibt verboten. Das ist gut so, jedenfalls der zweite Satz im Meckermannischen Merkblatt. Denn 12jährige brauchen nicht saufen (das lernen sie eh später) und auch nicht kiffen (das machen sie schon jetzt). Aber das ist verboten. Und das ist gut so. Dass da aber die Herren in den schwarzen Stiefeln selbst noch Leute über 20 durchsuchen, scheint typisch: Heiliges Land.

Ganz ohne schwarze Stiefel geht es auf dem Mont Vully zu und her. Dort hat Bernhard Luginbühl, die wohl gewichtigste Person der schweizerischen Kulturszene, seine eigene Expo installiert. Mit einigen wunderschönen Eisenplastiken, die auch im Nachhinein noch verwirren, erschüttern, aufrütteln. Mit einer Beiz, wo der Mont Vully (für Nichtwisser – das ist ein Weisswein) weniger kostet als in jeder Dorfbeiz und viel weniger als an der Expo. Mit Zelten für Nachtmenschen. Mit einem Kunstwerk aus Holz, das am Ende der Expo angezündet werden wird. Mit wenigen Menschen, manchmal, mit vielen, oft. Aber die verlaufen sich gerne und blicken über den Murtensee auf den Rosthaufen, den sich die Expo geleistet hat. Luginbühls Antwort sehen Sie links, den Expo-Rosthaufen rechts.

ce n'est pas Nouvelle Murten
 
Folglich und schlussendlich: Als Meckermann vor wenigen Tagen in der Dorfbeiz war, setzten sich am Nebentisch auch ein paar Schwarzstiefler. Sechs oder so. Und die sprachen von ihren Schelmenstreichen, dort und da und dann irgendwann irgendwo. Das ist den Behörden alles bekannt. Aber man kann ja scheinbar nicht einschreiten, bis die Täter auf frischer Tat (das ist ein Wortspiel!) ertappt werden können. Und Meckermann erinnert sich: Haben unsere Kampftruppen nicht auch schwarze Stiefel?
 
 
 
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