| Meckermann (Dezember 2002) | |||
| Meckermann 1.12.2002, (Photo Meckerfrau) | |||
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Eine bundesrätliche Zauberformel, nach Harry Potter’s Originalrezept gemixt, existiert leider nicht: Journalisten sind viel zu viel im Internet, schreiben viel zu viele PR-Texte ab, zahlen die höchsten Lebensversicherungsprämien, sterben häufigst zu früh an Lungenkrebs oder Leberschrumpfung und, nicht zu letzt: Es gibt zu viele davon.
Warum Meckermann das alles weiss? Weil es die Journalisten, die Agenturen und die Onlinedienste in den letzten Wochen genüsslich berichtet haben, immer den journalistischen Anstand wahrend und sich selbstredend aus diesen wissenschaftlich und meinungsforschertauglich erhobenen menschlichen Abgründen fernhielten. Denn im eigenen Medium ist das ja alles anders. Da ist niemand bestechlich, da herrscht Saufverbot am Pult und Rauchverbot in der Toilette, da wird ein Journalist zum Online-Webmaster und kontrolliert das Surf- und Mailverhalten der Kollegen, offiziell mit einem Pflichtenheft zur Suchtprävention ausgestattet, inoffiziell die Ausbildung als Meinungsschnüffler und Verhaltensforscher mit einem Highend Score abgeschlossen, das früher als Summa cum laude bezeichnet worden ist. Deutschschweizer Medienschaffende seien webunabhängig und nutzen das Internet als wichtigste Quelle für die Geschichte um die Geschichte, also für weiter führende Informationen. Der Zauberberg, die Mannaquelle für neue heisse Stories oder tiefgehende Ideen für Hintergrundgeschichten sei das Internet aber nicht. Laut der Studie der Bernet PR und der Zürcher Hochschule Winterthur hat der grösste Teil der befragten Medienleute noch nie einen Artikel anhand von Internet-Informationen geschrieben. Und weiter sagen die Meinungsforscher auch, dass viele der 750 befragten Journalistinnen und Journalisten sich dies aber vorstellen könnten. Insgesamt nutzen nach eigenen Angaben 97% der Befragten das Internet für ihre Arbeit. 80% davon täglich, 60% mehrmals am Tage. Das fasziniert schon: Meckermann dachte ja immer, fälschlicherweise, wie die Studie zeigt, dass die Kollegen samt und sonders ihre Geschichten von anderen Kollegen aus dem Internet abschreiben. Das erspart – speziell in der Fachpresse – die direkte Recherche vor Ort und am Objekt. Aber nein, man nützt das Internet nur als Quelle für Zusatzinformationen. Wer’s glaubt, wird selig. Denn es gibt die wahren Medien wohl nicht mehr, Medien, die heisse Eisen anfassen, ohne um Inserate zu fürchten, Medienleute, die tagelang an einer Geschichte arbeiten und ihren Job noch als Missionarstätigkeit auffassen, sich selbst als Aufklärer sehen. Journalismus ist Alltag geworden, wie Ziegelsteine schleppen, Schotter schaufeln, Taxidriver spielen oder als Wirt den Zapfhahn bedienen. Dann werden die Stangen Bier gezählt, nicht mehr die Zeichen, die für einen Artikel vom Blattmacher gesponsert wurden. Geschichten werden heute nach Anzahl Zeichen plus Leerschläge bestellt – der Zählrahmen sperrt die Kreativität aus. Gute Journalisten schreiben auf das Zeichen genau, schlechte Journalisten wollen immer noch bisschen mehr Platz, ganz schlechte Journalisten liefern drei Seiten Text, wo es mit 400 Zeichen auch getan wäre. Das haben die PR-Fachmenschen längst erkannt. Sie liefern jede Pressemitteilung in kurzer, mittlerer und langer Form an. Als Fax. Als Mail. Ein paar überflüssige Adjektive streicht dann der Journalist raus, die Blauäugigkeit wird gedämpft, der Inhalt ansonsten übernommen. Das sagen die Meinungsforscher des Deutschen Seminars der Uni Zürich. Man habe sich mit dem PR-Anteil in der Berichterstattung in Schweizer Medien befasst. Das Resultat sei wenig erfreulich, denn auch „Qualitätsmedien“ würden oft ganze Textteile von PR-Agenturen übernehmen. Den Grund dafür wollen die Autoren der Studie auch gefunden haben: Der Zeitdruck, der Stress, unter dem Journalisten und Journalistinnen stehen, ist schuld an der Schluderarbeit. Da wundert sich Meckermann nicht, dass da 1000 Schreiberlinge bereit sind, sich blindlings für eine neue Festanstellung zu bewerben: Sie wurden im Zuge der Zeitungsrenovationen, -allianzen und –fusionen mit mehr oder weniger sicheren Sozialplänen in den Armenstand des Freien versetzt. Und da tun sich die ehemaligen Redaktions-Stubenhocker eher schwer. Lunge, Herz und Leber – die allerwenigsten Journalisten über 50 leiden nicht wenigstens an einer Krankheit eines dieser Organe. Da sagt denn der Lebensversicherer glatt, dass Journalisten in die höchste Prämienskala gehören. Von wegen gesund leben und immer auf Trab sein: „Hust“, „Röchel“ und „Trübsinn“ ist angesagt in den Schreiberstuben. Nichts vom gesunden Geist, der im gesunden Körper lebt. Deshalb dann auch die Hilfe der PR-Agenturen. Die liefern den Stoff, aus dem die Werbung ist, und das dann so geschickt verkleidet, dass mancher Leser wirklich nicht weiss, ob das nun von seinem Lieblingsautor stammt oder nur von diesem gezeichnet ist. Das ist die Win-Win Situation, von der Journalisten und PR-Büros profitieren. Vom Leser redet Meckermann hier mal nicht, denn der ist ja mündig. Die Journalisten aber sind schon fast zu Tippsen geworden, zu Schreibmaschinen, die sich der Werbelobby gebeugt haben. Das macht Meckermann wenig Freude. Gäbe es doch so vieles, das mittels Medium angeprangert werden könnte. Die Medien als dritte Macht im Staat – das ist nur noch Wunschtraum. Medien in Funktion als Regulator der Meinungen gibt es auch nicht mehr. Was bleibt, ist Frust. Den ganzen Redaktionsalltag lang. |
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