Meckermann (November 2002)
 
Meckermann 1.11.2002
 
Von Riesen und Zwergen

Im Frühling noch flüsterten erst ein paar wenige das Wort «Rezession», meist nur hinter vorgehaltener Hand und sicherlich nicht in der Öffentlichkeit. Heute, es ist die Nacht von Halloween, spukt die Rezession selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Es vergeht kein Tag, keine Nachrichtensendung, kein Medien-Newsletter und keine Talkshow, ohne dass die Wirtschaftslage zur Sprache kommt. Das ist vielen Leuten unangenehm, verständlich, sie haben bereits abgesahnt und wollen sich jetzt lieber schnellstens verdünnisieren. Die Bahamas drängen sich auf, oder Südafrika, Chile oder Argentinien, notfalls auch die Osterinseln, aber nur weg von diesem Rezessions-Geplärre.

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Abgeflogen wird aber nicht mit der Swiss, die hatte zu viele Pannen in den letzten Monaten, nein, die Manager der grossen Firmen, die abtauchen, bevor das Schreckgespenst Rezession im eigenen Betrieb auch laut wird, bevorzugen Airlines, die Zürich nur als Hub nutzen, von Ferne kommen und in die Ferne abdüsen. So werden Boni gerettet, Abfindungen sichergestellt. Das sind aber keineswegs die Riesen, auch nicht die Zwerge. Das ist der moralische Durchschnitt in den Chefetagen der grossen Unternehmen. Meckermann kann das nachvollziehen wie die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter. Ist doch nur logisch: Die guten Jahre sind vorbei, die schlechten wollen diese Herren lieber nicht erleben.

Meckerfrau führt Statistik: Heute sind es 350, gestern waren es 1200, vorgestern 85 Mitarbeiter, irgendwo im Land der Sennen, Rechtsanwälte, Bauarbeiter und Hebammen, die den blauen Brief erhielten. Das müsste inzwischen eigentlich rote Karte heissen, denn erst einmal vom Platz gestellt, ist es sehr fraglich, ob da ein anderer Club zu finden ist, der bereit wäre, Sozialhilfeempfänger wenigstens als Kioskverkäufer im Stadion zu beschäftigen. Das ist die reale Situation – die Arbeitslosenzahlen steigen monatlich. Denn der Abgang einer Manageretage heisst meistens, dass demnächst auch die Belegschaft abziehen darf. Nicht auf die Bahamas, nein doch, die wären sonst überbevölkert. Aber ins Arbeitsamt. Stempel drücken statt sonnenbaden. Und dann aufs Sozialamt. Und wer schon mal 45 ist, darf sich freuen – er ist früh pensioniert, zwar ohne Rente, dafür auch ohne Arbeit.

Volkswirtschaftlich gesehen ist dieser Konjunktureinbruch aber auch die Eigenverantwortung fördernd. Denn viele dieser ehemaligen Mitarbeiter, die sich jetzt erst einmal eine Gedankenpause gönnen, werden zu eigenen Unternehmern, Beratern, Consultanten. Stampfen Firmen aus dem Boden, beleben die Wirtschaft durch die der Gründung meist schnell folgenden Konkurse. Und nagen danach endgültig am Hungertuch. Das hat den Vorteil, volkswirtschaftlich und kurzfristig betrachtet, dass mit jeder neuen Firmengründung neue Radiergummi, neue Heftklammern, manchmal auch neue Schraubenzieher gekauft werden. Das hält die anderen Betriebe wenigstens noch eine Weile auf den Beinen, denn solange gekauft wird, wenn auch weniger als früher, ist ja noch Hoffnung vorhanden – es kann nur noch besser werden. Und eben diese Hoffnung braucht das Land, denn Freude herrscht schon lange keine mehr. Jetzt war die Rede von den Zwergen, den kleinen Wichtelmännchen, die als Stimmvieh gebraucht werden und als Financiers für Renten, die gekürzt werden sollen. Ohne diese Zwerge gäbe es auch keine Riesen. Schon gar keine riesigen Riesen. Und auch keine Superriesen.

Eine eiserne Regel der kapitalistischen Gesellschaftsordnung heisst: Wachsen oder sterben. Andersrum heisst das logischerweise: Fressen oder gefressen werden. Das sind Redewendungen der billigen Art, aber sie haben ihre Berechtigung. Denn welch grosses Unternehmen hat nicht schon einen Mitbewerber geschluckt, oder zwei oder mehr? Und welch grosses Unternehmen hat in diesen Wochen probiert oder wird in den nächsten Wochen nicht versuchen, diese Klötze am Bein, diese Klösse im Bauch loszuwerden, Verlust hin oder her, abzustossen. Das sind die wahren Riesen, diese multifunktionalen, multinationalen und multikulturellen Konzerne, die selbst schon gar nicht mehr wissen, was ihre Töchter und deren Töchter Kinder gerade wieder verbocken. Das hat nun gar nichts mit dem Internet zu tun, das da an allem schuld sein soll, nein doch. Und schon gar nichts mit der Solidaritätsstiftung. Das ist einfach in den Spielregeln enthalten. Meckerfrau sagt, selbst auf die Gefahr hin, dass Meckermann das schon einmal geschrieben haben sollte: Kommunismus war Neid, Kapitalismus ist Gier. Aber was ist dann Sozialismus? Und Radikalismus? Und Apfelmus?

Die Riesen. Seltsam, nachdem diese Rasse fast ausgestorben ist, Meckermann denkt an Ebner, an ABB, an Sulzer, an Dornier, an die IT-Branche, an Swiss Diary Food, an die Rentenanstalt und die Zürich und die Winterthur, an die Swissair auch, die nun auch das Eingemachte versteigert, an viele andere Unternehmen, die auf Kosten der Mitarbeiter abspecken, versuchen andere Firmen wieder den gleichen Fehler zu machen – als Beispiel sei die ZKB genannt. Die will nun mit Triple-A Ranking in die Oberliga aufsteigen und zur Grossbank werden. Grossbank heisst Riesenbank. Bon Appetit, sagt Meckerfrau. Zahlen wird die Zeche einmal mehr der Bürger. Also der Zwerg.

Nun bestünde, zumindest rein theoretisch, auch die Möglichkeit, dass die Zwerge zu Zechprellern werden. Also die Steuern nicht mehr bezahlen. Schweizweiter Steuerboykott. Generalstreik. Damit könnten aus Zwergen Riesen werden. Kraftprotze aus der Mythologie. Da aber selbst die Sozis inzwischen die scheinbaren Vorteile des ungezügelten Wachstums erkannt und schätzen gelernt haben, sind das alles nur Wunschträume. Wie das Ende der Rezession auch ein Traum ist.

Kinderträume. Bald ist Weihnachten. Meckermann fühlt sich als Kind, nicht nur an Halloween. Und er träumt von Riesen, vielen, vielen Riesen. Kinder dürfen das. Erwachsene nicht.

 
 
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