Meckermann (Januar 2003)

 
Meckermann 1.1.2003, (Photo Bundeshaus)
 
Es lebe der Schnüffelstaat

So lange hat es gedauert, und jetzt sind sie da.

Unsere Schnüffelpolizisten im Internet. Acht inthronisierte Beamte sitzen nun tagsüber und auch nachts in irgendwelchen sonst ungenutzten Büros vor irgendwelchen sonst ungenützten PC und Laptops und forsten nach einer ihnen eigenen Methode quer durch das globale Netz:

Ein Job, der spannender, aufregender, exotischer und erotischer nicht sein könnte.

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Da es echte Schweizer sind, die da Emails und Websites degustieren, werden sie es wohl zuerst bei all den Käselieferanten (Meckerfrau sagt, Meckermann solle nicht schon wieder mit Wortspielen beginnen, die eh kein Mensch versteht) im Internet nachschauen und ausmisten. Nicht nur bei den Käsereien, die auf Verdikt der Milchkaiser von Emmi schliessen müssen, weil es keinen Emmentaler mehr braucht, und die deswegen, der Existenz beraubt, terroristische Gedanken gegen die Milchfabrik hegen könnten, nein, auch bei jenen Sitebetreibern, die da Geld hin und her schieben, was allgemein unter Geldwäsche läuft, aber ebenso allgemein als Kavaliersdelikt gilt. Meckermann stellt sich das seit Tagen vor: Swiss Cyber Police. SCP. Ob die Beamten auch eine passende Uniform tragen dürfen? So ein Raumanzug wäre vielleicht passend. Oder das Kombi vom Stromer nebenan. Dezente Krawatte, Anstecknadel, Kappe, Brille, Schnauz. Völlig webgetuned. Und Meckerfrau meint dann auch, die würden doch sicher in Schichten arbeiten wegen der «Just-in-time-Bereitschaft». Was machen diese acht SCPler wohl in der Freizeit? Ins Web gehen sie wohl kaum. Bleibt nur noch die Glotze. Trübe Freizeit-Aussichten.

Die Schweiz hat also eine SCP. Meckermann denkt da für sich, dass dieses Fähnlein der acht Aufrechten wohl erst eine Vorhut sein dürfte, die sich der Kopien der alten Fichensammlung bemächtigt (die Originalfichen sind ja vernichtet worden, las Meckermann jedenfalls) hat und nun diese zuerst einmal aktualisiert. Das braucht seine Zeit, da sind schon viele der Fichierten schon über den Jordan gesegelt oder leben jetzt bei Manitu, sind unter «Unbekannt verzogen» abgelegt oder gelten nach Fichenangaben als «lebt derzeit angepasst, könnte ein Schläfer sein». Ist dieses Fichenregister erst einmal ordentlich upgedatet, beginnt das grosse Forsten. Welcher ehemals Fichierte hat eine Website, welcher hat auch Email, wird das Telefon überwacht, sind Spitzel vor der Haustüre postiert? Das gibt den lieben Jungs bei der SCP genug zu tun, und irgendwann sollen es ja noch mehr werden, also neun Aufrechte, die da die Schweiz vor dem globalen Kannibalismus, der nach dem Motto «Fressen oder gefressen werden» schon lange als Terrorismus bekannt ist, bewahren soll.

Das Thema Cyberpolice bewegt in diesen Tagen speziell die Newsgroups – und augenscheinlich sind die globalen Hyde Park Redner im Internet absolut gegen diese elektronische Überwachung. Dazu passt bestens ein grosser Bericht in der Sonntagszeitung von anfangs 2003 – die Elektronikindustrie hat genügend Schnüffelgeräte bereitgestellt, von der Minikamera im Kugelschreiber bis zum funkgesteuerten Mikrofon. Es kann nun also ein jeder zum selbst ernannten Saubermann aufsteigen. Auf diese Saubermänner hofft auch die SCP: Dafür wurde extra auch eine Meldestelle geschaffen. Egal ob Sie nun etwas relevant-straftatverdächtiges oder auch nur den Verdacht auf solche Inhalte finden – bitte melden. Die acht bis neun Cyberpolizisten wollen ja beschäftigt sein. Also, einfach melden, egal ob auf Http, FTP, IRC, P2P, in Emails oder in anderen Medien entdeckt: Melden! Belohnung gibt es keine, aber das eigene Bewusstsein ist gestärkt – man hat ja immer gewusst, dass da im Web etwas faul ist.

Das hat auch die rührend aktive Swiss-Scandals entdeckt. Hier sollen seit Wochen schonungslos Verstösse gegen das schweizerische Recht aufgedeckt werden, auf der Website wird aufmerksam gemacht, dass man mehrere Server habe, die alle gespiegelt seien und abwechselnd zum Einsatz kommen, allerdings nicht in der Schweiz, denn bei uns werden selbst Emails überwacht, schreiben die Autoren. Meckermann schrieb zurück und wollte einfach nur wissen, wer denn hinter dieser Organisation steckt. Namen statt anonymer Worte. Meckermann bekam eine Antwort, die er eigentlich nicht erwartet hätte: «Wir befassen uns weniger mit schöngeistigen Themen und Träumen, sondern mit der Realität.» Dann folgte eine Liste mit Links, die auf das angebliche Unrecht hinwiesen, dabei wurden auch der PC-Tipp, die Site des Tierschützers Kessler, ein Artikel von Anwalt Ludwig Minelli und ein paar weitere Sites zitiert. Und dann folgte der Seitenhieb, den Meckermann nun wirklich nicht verstand: «Hat man derlei Skandale erst mal zur Kenntnis genommen, sind dann Fragen wie "Uns würde noch interessieren, wer hinter dieser Site steckt" wohl in "Rechtsstaaten" wie der Schweiz, wohl besser nicht zu beantworten und "ein Impressum wäre doch sicherlich nur nützlich" ein absurder Ratschlag. Sie können aber ja schon mal http://www.swiss-scandals.org/demokratie lesen ... und freilich weiterhin an Heidi und den Alpöhi glauben. Mfg - Redaktion swiss-scandals».

Ist eigentlich seltsam, dass sich die Verteidiger des freien Internets im Falle der Betreiber der SwissScandals.org Site nicht zu erkennen geben – haben diese Leute wohl eine reale, echte Paranoia? Nun, damit kann man leben und sonst hat es genügend Seelenklempner im Web. Staatlich diplomierte und auch solche, die sich diesen durchaus einträglichen Beruf als Hobby zugelegt haben. Das sind die Leute in den Human Resources Abteilungen. Also jene, die früher einfach mal Personalchef hiessen oder in der Personalabteilung arbeiteten. Also, Ihr Swiss-Skandaler – gebt Euch doch zu erkennen – sonst glaubt Euch ja niemand.

Die Schnüffler sind unter uns. Totgesagte leben eben länger. Und Feind hört mit. Nur gut, dass es noch echte Freunde gibt. Manchmal wenigstens …

 
 
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