Meckermann (Februar 2003)
 
Meckermann 1.2.2003, (Photo Meckerfrau)
 
Love and Peace and no more Coke

Die Mottenkiste wurde ausgepackt. Nicht wegen der Fasnachtskleider. Sondern wegen der Demo-Utensilien.

Denn alle Zeichen deuten darauf hin, dass Berufsdemonstranten demnächst wieder stark gefragt sind und den Arbeitsmarkt positiv beleben könnten.

Meckerfrau jedenfalls hat schon mal doppelt vorgesorgt.

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Zum einen steht in Meckermanns Luftschutzkeller nun wieder ein Notvorrat an stillen und bewegten Wassern, in grossen Zweiliterflaschen, gleich neben dem Weinregal, das auch nachgefüllt worden ist, aber nicht mit dem Fasswein aus dem Napa Valley, nein doch, den trinken die Meckerer schon lange nicht mehr, Imperialistenwein, erst noch aus Europa entführt und dann auf jene Geschmacksnerven, die sogar zwischen Fleischklössen von McDonald und Burger King unterscheiden können, ausgerichtet und marketingtechnisch bis nach Südafrika verbreitet. Nein, bei Meckerer gibt es auch keinen Wein aus Italien, auch wenn der Piemont schon fehlen wird im Luftschutzbunker. Meckermann dankt allen Kellereien, die nun unbedingt Wein senden wollen: So lange der Luftschutzbunker nicht bezogen wird, trinkt Meckermann auch noch Piemonter. Dann aber gilt: Bei Meckerfamilie wird der Berlusconi so lange nicht unterstützt, als er den Amis den Überflug nicht verbietet. Der deutsche Wein wäre passend zum Weinregal, das mit neuen blauen Klebern überzogen worden, in deren Mitte eine weisse Taube ausgestanzt ist, und würde auch der politischen Korrektheit entsprechen, die da immer mal wieder erwähnt wird, doch deutschen Wein können die Meckerleute nicht trinken. Also halt einfach Wein aus dem Rhonetal, täglich ein Gläschen im Luftschutzkeller und dazu stilles oder bewegtes Wasser, nicht aus dem Vals, den die Quelle gehört jetzt Coca Cola, also vom Denner, der importiert den adligen Hahnenburger aus Frankreich. Das wäre zum Trinkvorrat im Bunker zu sagen.

Natürlich gibt es auch die Einwegschnellimbissgerichte, luftdicht verschweisst, gefroren, gekühlt, haltbar gemacht, etwa die belgischen Pommes Frites, abgepackt von einem französischen Unternehmen, in holländischem Rapsöl, kalt gepresst, vorfrittiert in Ungarn, dann in einem griechischen Werk mit garantiert portugiesischem Atlantiksalz verfeinert und in Österreich mit Strichcode versehen. Gekauft in der Schweiz. Viel billiger als die Zweifelchips, wirklich.

Da sind die Meckerer Patrioten. Gekauft wird in der Schweiz und nicht in einem der die schweizerischen Grenzen umschliessenden, fussballplatzgrosswarenlebenshausmittellädenfumfassenden Betonstadion für Jogger und Einkaufswagen stossende Wettkämpfer, die sich um das letzte Schnäppchen balgen, das dann am Zoll vorbei geschmuggelt wird. Deshalb hat es bei Meckermanns eben Sanktgaller Schüblige und Waadtländer Saucissons in der Gefriertruhe, Basler Mehlsuppe, instant, anrührfertig, Appenzeller Mostbrocken, luftvorgetrocknet. Und nicht etwa Porterhouse Steaks, Louisiana Truten oder amerikanische Dörrbananen. Das sind die Meckerer konsequent – die Dörrbananen wurden durch Walliser Dörraprikosen ersetzt.

Zum anderen hat Meckerfrau die erste Arbeitsvermittlung für Berufsdemonstranten eröffnet, denn damit wäre vielleicht der Luftschutzbunker zu umgehen. Andererseits könnte auch die Polizei aufrüsten, der Arbeitsmarkt erhielte ganz neue Impulse. Wie das Blairs Labour ja auch macht: More nurses, more police… - Interessenten haben sich bei Meckerfrau bereits beworben, Anfragen nach einem „harten Demonstrationskern“ liegen ebenfalls vor. Die Bewerber haben vorzugsweise globale Erfahrung, sind 1. Mai erfahren und sind sportlich wenigstens in einer Boxerschule weiter gebildet worden. Einschlägige Einsatzerfahrung erwünscht. Die Auftraggeber sind derzeit noch eher kleine Fische, Nischenorganisationen, meist von einem Sponsor finanziell unterstützt. Aber der Markt kommt erst noch, Gottvater Bush wird dafür sorgen. Bis es so weit ist, schafft er neue Arbeitsplätze für Klebebandfabrikanten im eigenen Land. Meckerfrau hat das Lager der verfügbaren Klebebänder geprüft und gleich drei grosse Rollen entsorgt – sie stammten von einer US-Firma und wurden durch ein österreichisches Produkt ersetzt.

Meckermann lässt inzwischen prüfen, ob ein Disclaimer in den Arbeitsverträgen mit den Berufsdemonstranten ausschliessen kann, dass sie nach erfolgter Weiterbildung in Kuba, Lybien, Afghanistan und Deutschland zu einem Mitbewerber abwandern und dort gleich den doppelten Demobatzen einziehen können. Und bietet der Mitbewerber dann noch die attraktivere Umzugsroute mit grösseren und besseren Schaufenstern an, könnten die Ausbildungskosten sehr teuer werden. Also muss da ein Berufsverbot her, jedenfalls für die ersten zwei Jahre nach der Ausbildung. Ob sich das beim Gericht für Menschenrechte durchsetzen lässt? Denn im Gegensatz zu den Irakern haben wir ja das Demonstrationsrecht in der freien Welt, sagt Bush. So müsste es folglich auch Berufsdemonstranten geben, vertraglich, Fixgehalt, samt Ferien, aber nicht in den heissen Sommern.

Die Arafat-Tücher flattern wieder im Wind, werden ausgelüftet. Dachlatten und Bettlaken kriegen plötzlich neue Funktionen, fiktiv. Familienspaziergänge mit Kinderwagen voller Pflastersteine und ein Megafon ersetzen die Nachmittage vor dem TV. Musikclubs schiessen aus dem Boden, die kleinen Bands die Möglichkeit geben, Bühnenerfahrung zu sammeln, eine neue Szene wächst und wächst. In Zürich lebt Dada auf. Meckermann erinnert sich an die Vietnamdemos. Und an all das, was darauf folgte – die toll gewordene Musikszene, Berkeley, Paris, Zürich, und immer wieder Saigon. Wird Bagdad zum Saigon von Bush? Und was wollen die Bushieboys dort trinken? Coca Cola gibt es keines dort, nur Mecca Cola. Das schmeckt aber den Amis nicht. Also Fahnenflucht, am besten nicht nach England. Nicht nur wegen des Essens dort …

Meckerfrau hat eben einen Anruf erhalten. Von einem Kaiseraugst erprobten, Gösgen geschädigten und Davos gestählten Altdemonstranten, der sich als Spezialist für getarnte Kaffeemaschinen für den Ernstfall zu erkennen gab. Denn schliesslich brauchen Frontkämpfer, auch als Demonstranten, immer mal wieder einen starken Espresso. Meckerfrau hat schon gecheckt – Maschine ist ein Schweizer Produkt, Kaffee kommt von Havelar, die Tarnung wird aus echten Tösstaler Hanffasern gefertigt. Scheint sauber, der Bewerber. Er schickt auch sofort seine gesammelten Fichen per Email, fügt ein PDF-File mit seinem Strafregisterauszug, upgedatet, bei und kündigt an, dass er per Snailpost gleich schon mal seine Kaffeemaschinentarnungskonzepte stichwortartig auf 430 Seiten zusammengefasst habe. Er sei auch gerne zu näheren Erläuterungen bereit, wenn er den Job erhalte. Seine Erfahrung wiege den Altersnachteil auf – er sei bereits 55 und deshalb meist nicht für herkömmliche Tätigkeiten des modernen Berufsleben wie Bodyguard, Airlinemanager oder Internetschnüffler zu vermitteln.

Und zehn Minuten später mailen zwei Boys, gerade mal 20, aus New Bern in den USA, dass sie sich per sofort melden würden, gegen Speis und Trank und Bett, soldlos, aber immer noch besser denn als Minensucher im Irak zu enden. Meckerfrau mailt zurück und schreibt, dass die Schweiz keine Greencard kenne und die USA künftig zu den Asylantenländern gezählt würden. Ausserdem bezweifelt sie in ihrem Mail an die Jungs aus New Bern die vorhandene Berufserfahrung als Demonstrant, der voll auf sich alleine gestellt einer Übermacht von Gummiknüppel schwingenden Staatsdienern irgendwo im globalen Dorf die Stirn bieten kann. Dass sei eine Grundvoraussetzung der Auftraggeber und deshalb: „So sorry, we don’t need you“.

Aufgrund der internationalen Kontakte, die ein florierendes Unternehmen der Unterhaltungsbranche halt so mitbekommt, wunderte sich Meckerfrau nicht über die Anfrage eines türkischen Teppichhändlers, der ein paar Berufsdemonstranten anheuern wollte, um sie als Kurden vor seinem Laden demonstrieren zu lassen. Das Angebot, gut dotiert, samt Döner und Raki in den Freistunden, wurde mit dem Satz geschlossen: „Eine gute Demo ist bessere Werbung denn 100 Inserate“. Was so unrecht nicht scheint …

Meckerfrau will nun erweitern. Der Stellenvermittlung für Berufsdemonstranten (SBD), die auch voll elektronisch gesteuert werden kann und dann verschlüsselt abläuft, sollen drei weitere Unternehmen angegliedert werden. Da wären mal die „Flying Angels“: Das sind mobile Einsatzkommandos zur ersten Hilfe während Gewaltausschreitungen durch die Polizei. Dann wurde eben das „Hilfswerk für pensionierte Berufsdemonstranten mit Minimalpension (HfpBMp)“ ins Handelsregister eingetragen, hier werden bereits jetzt, nach nur wenigen Bannerschaltungen auf den Websites der üblichen Verdächtigten, grosse Frankenbeiträge einbezahlt – als Spenden auf ein Konto in Tuvalu. Und schliesslich haben sich auch der Internet-Weiterbildungskurs: „An was erkenne ich ein faules Ei“ und die beiden Fortsetzungskurse: „Wie werfe ich faule Eier“ und „Wandel der hundskommunen Hühnereier vom Spiegelei zur Handfeuerwaffe“, die wahlweise nach erfolgreichem Abschluss des Grundkurses „Gemeinsamkeiten von Ei, Tomate und Pfefferspray“ belegt werden können, auf dem Markt durchgesetzt.

Die Zukunft scheint gesichert, hoffentlich hält das Theater noch lange an. Einzig die Frage der Berufshaftpflicht ist noch ungeklärt. Aber die Meckerfamilie hat vorgesorgt, endlich wieder mal ein Sommer voll Love and Peace und ohne Coke …

 
 
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