Meckermann (Mai 2003)
 
Meckermann 1.5.2003, (Photo Meckermann)
 
Und wir sind doch alle so fröhlich

Es begann eigentlich schon im Februar mit seinen gleissenden, silbrigen Tagen, den klirrenden, gefrierenden Nächten, jenen Zeitsprüngen zwischen Mondaufgang und Sonnenuntergang, als die Zeit stehen blieb, für ein paar Sekunden, und beim Nachbarn die Esel wehmütig nach dem Stall schrien. Da waren wir alle sehr fröhlich.
 
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Sie hat sich fortgesetzt, unsere Fröhlichkeit, über Fasnacht nach Ostern, mit einem kleinen Umstieg nach Bagdad, aber der Nachbar hat bereits an Ostern seinen Garten auf Hochglanz poliert und den Rasen auf die obligaten sechs Millimeter gestutzt, zweimal, um sicher zu sein, dass sein zehn PS Benziner keinen Halm vergessen hat, computergestützt natürlich, von wegen Halmlängen natürlich, und äusserst sparsam im Gebrauch. Der Rasenmäher natürlich. Und auch der Nachbar war froh, sein Rasen sah aus wie jener in Wimbledon, nur bisschen kleiner mit seinen 14 Metern im Dreieck. Und der Nachbar war so froh, dass er gleich zum Grillfest pfiff und dann waren alle froh, der Frühling war, der Eiermagen von Ostern ausgeschieden, jett wurden die Bio-Hühnerbeine aus dorfeigener Metzgerei mit Bio-Holz aus dorfeigenem Wald gegrillt. Das Feuermännli nannte sich Meta und hatte einen nicht ganz so feinen Bio-Geruch – macht nichts, wir sind alle fröhlich, und sonst, wenns dann stinkt, hängen wir die Nase in den Wind. Oder dagegen. Je nach Geschmack.

Also, wir sind alle so fröhlich. Kein wunder, die Polen haben wir eine Woche Zwangspause im Bett verbracht, wer kann sich das heute noch leisten, wegen Pollenallergie im Bett bleiben, ist doch Luxus, so lange es so schön ist draussen. Also zum nächsten Grillfest, immer noch Bio-Fleisch, jetzt von der Bio-Rindhuft, und dazu Bio-Kartöffelchen, frisch, in garantierter Bio-Alufolie direkt in das glimmende Bio-Holzrestchen geworfen, und eine wunderbare Bio-Yoghurt Sauce mit Bio-Kräutern und natürlich Bio-Wein. Wir waren da alle noch fröhlich, waren sollten wir es nicht sein.

Die Politdebatten über Bauernsubvention, über Behinderte, Atomkraftwerke, Strassenbau, über Absetzung von Polizeikommandanten oder die Kreiselmanie im achtzehn Seelen Dorf (jeder Seele einen Kreisel) interessierte kein Bio-Schwein – wir lebten ja in Saus und Braus und die Pollen waren auch schon auf dem Weg ins natürliche Bio-Nirwana. Aber da dann doch was, das uns bedrückte: Nur wussten wir halt nicht so recht, was das nun wirklich sein könnte, also beschlossen wir, weiter fröhlich zu bleiben. Wie die Zillertaler. Oder die Oberkrainer. Oder so irgendwie. Der Quartierhäupting mit der meisten Grillerfahrung meinte gar, wir könnten uns ein T-Shirt drucken lassen: „Wir sind fröhlich – Du nicht?" Die Diskussion endete mit einem weiteren Grillfest, für einmal ohne Bio-Bräu , sondern mit Feldschlösschens Wegwerfbüchsen. Aber die Zeiten hatten sich geändert: Statt Bio-Fleisch und Bio-Erbsen gab es Aktions-Cervelat vom Denner, das Stück noch etwa 40 Rappen, das Brot war auch nicht Bio sondern stammte auch vom Denner, vorgebacken, aufgewärmt, eingefroren und verkauft, aber wir waren fröhlich und das war die Hauptsache.

Das war jedenfalls noch bis am 1. Mai so. Da wollten die Meckerer endlich mal ausschlafen. Die Kirchenglocken waren zu laut. Da wollten die Meckerer an die 1. Mai Demo – das war ein Haufen schwindsüchtiger Sozialdemokraten, die ihr Leid der Sozialdemokratie anvertrauten, ihr Leben lang schon. Und statt Demo hiess der Anlass Umzug. Die Meckerer schlichen hinten nach und siehe, es gab eine Rede, und da wurde die Einheit der Sozis beschworen und die Offenheit der Partei nach allen Seiten, so richtig sozialistisch und es gab Bratwurst, nicht Bio, aber gegen Entgelt. Und wir waren dann doch wieder alle sehr und noch mehr fröhlich.

Meckermann hat sich das dann spät abends überlegt und frühmorgens mit Meckerfrau besprochen. „Warum sind wir so fröhlich, wenn es uns so beschissen geht?“ „Weil die anderen, denen es ebenso beschissen geht, auch fröhlich sind.“ Ein Grund mehr zur Fröhlichkeit, ein einig Volk von Fröhlichen.

Heute, vier Tage nach dem Arbeiterfeiertag (warum arbeiten da eigentlich immer noch Arbeiter), hat sich Fröhlichkeit in Luft aufgelöst. Quartiersmässig. Dorfmässig. Parteienintern. Und extern. Es wurden die ersten vier Skinheads gesichtet, gleich neben der Post. Und jeder hatte so einen netten Hund bei sich, der, mal zugebissen, nicht mehr weiss, wie er wieder sein Gebiss ausklinken soll. Das machte sofort die Runde und das Quartier hatte noch mehr Angst als vor den Asylanten. Flugs gab es eine Grillpartie. Vom Regierungsstatthalter bewilligt, vom Dorfschreiber abgesegnet und polizeilich geduldet. Die Damen brachten Salate aus dem eigenen Garten mit. Der Dorfmetzger hatte Lamburger, nicht Bio, spendiert, pro Person einen, und was nicht gebraucht werde, solle man den Asylanten schenken. Der Dorfbeizer hatte Feldschlösschen zu einer Spendenaktion bewegen können, und was an Bier übrig bliebe, solle man den Asylanten geben. Wir waren wieder sehr fröhlich.

Probleme sind ja da, um aus der Welt geschaffen zu werden. Und wenn es keine Probleme hat, darf man fröhlich bleiben. Skinheads in unserem Dorf – Fata Morgana. Wir haben die SVP, und die achtet schon darauf, dass da nichts passiert. Drum sind wir ja alle so fröhlich.

 
 
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