| Meckermann (Sept./Okt. 2002) | |||
| Meckermann 1.9.2002 | |||
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...auf das alle Nichtschweizer mit Neid blicken und am liebsten zum Bevölkerungswachstum beitragen würden, zwischen Matterhorn, Alpwiesen und frischen Bächlein. Das hat sich in den letzten 50 Jahren gewaltig geändert. Helvetia ist zwar immer noch auf allen Münzen, sieht man vom Fünfliber ab, die Mutter aller guten Eidgenossen, Tell beschützt das Rütli, die Schokolade wird weltweit exportiert oder als Lizenzprodukt verkauft und die künstlichen Gelenke genossen bis vor kurzem den Ruf, selbst nach der Kremation des Trägers noch weiter zu funktionieren. Das hat sich alles geändert. Auf dem Rütli treffen sich Neonazis und unsere Sittenwächter, die sonst Parksünder büssen und auch jene Aufpasser, die sich mit auszuschaffenden Ausländern herumzuschlagen haben, stehen gelassen daneben. Das ist gelebte Demokratie. Die ins Ausland lizenzierte Schokolade schmeckt derart seltsam, dass dort niemand mehr Lust auf echte Schweizer Schokolade hat (testen Sie mal eine Toblerone in Portugal oder Griechenland und vergleichen Sie selbst). Die Gelenke werden mit Millionenklagen zu Grab getragen. Da hat sich viel geändert im Schlaraffenland. Familie Meckermann hat einen internen Wettbewerb gestartet: Wie viele Firmen am nächsten Tag wie viele Leute entlassen. Meist liegt Meckerfrau bei der Anzahl Firmen richtig, aber die Zahlen der künftig Arbeitslosen sind nicht abzuschätzen. Jedenfalls nicht auf 100 Personen genau. Aufs Jahr hochgerechnet dürfte bald jeder dritte Arbeitnehmer auf der Strasse stehen. Manchmal gibt es sogar Sozialpläne. Oder Stellenangebote. Mitmenschen, die seit 25 Jahren in der Ostschweiz gearbeitet und sich dort neben der Vierzimmerwohnung auch einen Schreberhäuschen samt Gärtchen geleistet haben, wird ein neuer Job im vorderen Wallis angeboten, schliesslich muss mensch heute flexibel sein. Und wer frühzeitig pensioniert wird, hat noch Glück. Er kriegt wenigstens noch eine gekürzte Rente, so lange, bis er nichts mehr kriegt. Das ist doch was für einen Sozialstaat. Alle anderen aber, die gehen zuerst mal auf Stellensuche, dann aufs Arbeitsamt, später dann aufs Sozialamt. Das sind all die, die keine Rentenbeiträge mehr einzahlen. Geschweige denn Pensionskassengelder. Nach Adam Riese sind es folglich immer weniger Leute, die immer mehr Leute mit ihren Beiträgen unterstützen. Das geht noch ein paar Jahre einigermassen. Wenn Meckermann dann auch mal seine Rente beziehen will, sind die Kassen leer. Und der Bundesrat will jetzt vorerst einmal den Zinssatz für die Einlagen senken, sicherheitshalber. Jedem Bürger wird freigestellt, ob er jetzt schon sein Sturmgewehr nimmt und in den Wald geht, denn so einer ersten Zinssenkung folgt naturgemäss bald eine zweite, und dann die dritte, schliesslich ist der Mensch ein Gewohnheitstier, speziell ein arbeitsloser Mensch. Pestalozzi lebt nicht mehr. Es regt sich auch niemand mehr auf, dass die Expo schon wieder Millionen vom Bund will, auch das deutet auf die These vom Gewohnheitsdenken hin. Da ist der neue Mindestlohn von 3500 Franken bei Denner doch eine grössere Schlagzeile wert denn der Gedanke, was sich eine allein erziehende Mutter mit zwei Kindern und 3500 Bruttofranken leisten kann. Jedenfalls nicht alle drei Monate ein neues Paar Turnlatschen einer Edelmarke für jedes Kind. Aber diese Mutter zahlt brav in die Kassen ein. Sie muss, von Staates wegen. Und kriegt nicht mal drei Gratiseintritte für die Expo, die sie mit ihren Steuergeldern mitfinanziert hat. Vielleicht kommt der Bundesrat und die Expo-Lobby im Parlament noch auf die Idee, eine Zuschlagsmarke für die Briefpost aufzulegen: 90 Rappen Porto, 9 Franken Solidaritätszuschlag. Das könnte kurzfristig der Philatelie-Branche helfen, die Not leidet, da niemand mehr Geld hat, Marken zu sammeln und die meisten Briefe eh von Frankiermaschinen abgestempelt werden. Die Mindestlohnverdienerin jedenfalls kann sich diese Marke nicht leisten. Dafür könnten alle Marken, die zu viel gedruckt werden, an der Expo statt der Banknoten durch den Reisswolf geschleust werden, an der nächsten Expo, wohlverstanden. Ob es eine solche geben wird? Das Vorzeigekind ist zu einem Taschendieb mit Glatze geworden. Das ist so der erste Schritt in einer lange geplanten Aktion zur Zweiklassengesellschaft. Denn die Mittelschicht wird ausgerottet, sukzessive. Was bleibt sind die Stinkreichen und jene, die gar nichts haben. Die Spirale dreht sich immer weiter, wie ein Korkenzieher. Den braucht es zwar bald auch nicht mehr, weil zu wenige Korkeichen viel zu wenig Kork produzieren. Heisst im Klartext: Weil immer mehr immer weniger bekommen, kriegen immer weniger immer mehr. Der Taschendieb muss sich schliesslich selbst beklauen. Das geht am besten mit gefälschten Bilanzen, die USA geht da mit gutem Beispiel voran. Meckerfrau meint, das sei wie ein Krebsgeschwür, das müsste man raus schneiden. Aber wie denn, die nötigen Chirurgen haben sich längst in die Karibik abgesetzt. Oder eben – sie sind mit dem Sturmgewehr in den Wald gegangen. |
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