Meckermann (Januar 2002)
Meckermann 3.1.2002 (Photo Meckerfrau)
 
Lesen bildet – oder doch nicht?

Eine der ersten Meldungen im Neuen Jahr: Im US-Staat New Mexico wurden Harry Potter Bücher verbrannt, tonnenweise. Der Grund dafür ist wie immer der gleiche: Die Bücher enthielten, so die Moralisten, „satanisches Gedankengut“.

Meckermann erinnert sich dabei unwillkürlich an die Nazipropaganda und die Bücherverbrennungen, als Hitler die Macht ergriffen hatte und Deutschland und andere Länder ins Desaster stürzte. Und an den Film „Fahrenheit 451“, der 1966 anlief.

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Damals wie heute ging es darum, das gute alte Buch zu entsorgen und den Menschen auf die ständige Glotzenberieselung zu trainieren. Ein Filmkritiker schreibt zum Buch, das dann ein Buch wurde, im Internet: „Feuerwehrmann Montag ist einer dieser bestens funktionierenden Buchkiller, wenn er seine Feuerspritze gnadenlos auf Bücherregale richtet und das Papier bei 451 Grad Fahrenheit oder 232 Grad Celsius in Flammen aufgehen lässt. Bücher machen den Menschen nur aufsässig. Nachdenken ist in diesem Staat nicht erwünscht. Systemstabilisierende Dauerberieselung findet über den Fernsehapparat oder über die im Ohr zu tragenden Radiomuscheln statt. So wird auf Dauer das Kommunikationsbedürfnis der Menschen befriedigt und in die "richtigen" Bahnen gelenkt. Ähnlichkeiten mit der Realität sind rein zufällig.“

So zufällig erscheint das dem Meckermann nun aber gar nicht mehr. Es wundert ihn einzig, dass da noch niemand auf die Idee kam, den guten alten Tolkien ebenfalls ins Reich des Satans zu verdammen und weltweit auf die Schwarze Liste setzen zu lassen: Das gäbe einen Flächenbrand von China bis nach New Mexico, von Alaska bis nach Zypern. Erinnern wir uns doch an ein Beispiel aus der Schweiz. Als Jean Ziegler sein Buch über die Schweiz und das Geld veröffentlichte, wurden zwar seine Bücher nicht öffentlich verbrannt, aber es hagelte Strafanzeigen. Meckermann will jetzt mal nicht schreiben, wer dahinter steckte...

Jedenfalls zeigen diese und andere Fälle, das Lesen nicht unbedingt erwünscht ist. Das fängt schon dort an, wenn Meckermann in seiner Stammbeiz darauf angesprochen wird, dass er doch die Zeitung der Schweizerischen Friedensbewegung abonniert habe. Von wo wissen das die Leute, Meckermann hat ein Postfach, und beim Altpapier konnte die Zeitung auch nicht gefunden werden, da sie immer mitten in der Beige abgelegt wird. Dafür liegt im Postfach immer ein „Bote“ der SVP– nicht abonniert, das Blättli kommt gratis, aber da sagt am Stammtisch kein Mensch etwas dazu. Was nicht wundert, das Bernbiet ist fest in SVP-Hand. Lesen und Lesen ist eben nicht das Gleiche – zeig mir was Du liest und ich sage Dir, wer Du bist.

Doch diesem Dilemma will unsere IT-Industrie schnellstens abhelfen – mit den E-Books. Eine Erfindung, die von vielen Journalisten verdammt wird, aus guten Gründen, denn wer liest schon Romane auf einem Monitor. Doch stets vor der CeBit (im März), vor der Orbit auch, und auch vor der Comdex, kommen wieder die Hofberichterstatter und schwärmen von diesen elektronischen Büchern, die Texte in Adobe PDF anbieten und endlos blättern lassen. Meckermann lehnt dieses „revolutionäre“ Gute-Nacht-Geschichten Buch grundsätzlich ab: Da fasst er nachts lieber zu William Gibson und liest zum vierten Mal den ganzen „Neuromancer“ durch, Papier fühlt sich eben immer noch anders an denn Kunststoff. Einen Vorteil konnte selbst Meckermann den E-Books abringen: Sie lassen sich nicht so schnell verbrennen wie die Potter-Romane ;) . Zu den weiteren Nachteilen gesellen sich die fehlenden Titel und auch, dass bereits die meisten der führenden Hersteller die Produktion eingestellt haben – zu wenig Nachfrage. Was von anderen Büchern nicht behauptet werden kann: Tolkiens Herr der Ringe verkauft sich immer noch – und seit dem Film erst recht wieder – blendend.

Da ja immer wieder mit Arbeitsplätzen argumentiert wird: Stellen Sie sich vor, wenn alle Buchhandlungen, auch jene im Web, schliessen müssten, weil die allermeisten Titel für das E-Book aufgearbeitet wurden. Das gäbe in der Schweiz eine etwa gleich grosse Entlassungswelle wie bei der Swissair. Und der Bildungsnotstand würde noch höher als er eh schon ist. Denn Bücher bilden scheinbar. Auch Schulbücher, jedenfalls manchmal. Wenn sie einigermassen wenigstens auf dem Niveau der achtziger Jahre angekommen sind und nicht druckfrisch schon inhaltlich nach Moder riechen. Auch wenn Meckermann gerne in Büchern schmökert, die schon leicht miefen. In Antiquariaten etwa. Oder in Brockenstuben. Und auch beim Buchhändler im zweiten Untergeschoss, dort wo all das steht, was seit Jahren nicht verkauft werden konnte.

Es seien noch ein paar Worte zum Gesprächsthema Nummer Eins, dem Euro, dem Wunderkind der europäischen Wirtschaft, verloren. Die Einführung scheint ja mehr oder weniger geklappt haben. Auch wenn es heute bereits heisst, dass die Münzen rosten, dass teilweise die Mittelstücke herausfallen (hat der Euro bereits ein Loch?). Einzig in Felix Austria (wo denn sonst) stiegen am 2. Januar bereits 2700 Geldautomaten geschlossen aus und verweigerten ihren Dienst. Der Grund lag gemäss einem Sprecher des Automatenbauers im Server, der sich müde und überlastet zeigte und einfach den Geist aufgab. Leider war für Meckermann nicht festzustellen, welcher Hersteller den Server geliefert hatte. Oder war es gar eine Marke Eigenbau? Meckermanns Freund mailte aus Frankreich, er könne schon ganz gut umgehen als Schweizer mit dem neuen Geld in Frankreich, es sei für einfacher geworden, die Preise umzurechnen. Meckermanns Familie in Mannheim jedoch hat sich seit der Euro-Einführung noch nicht gemeldet – sie steht wohl immer noch in der Schlange vor der Bank und will die Märker umtauschen. Denn da soll es ja Tausende und Zehntausende gegeben haben, die am Sylvester auf den Sekt verzichtet haben und sich dafür die Füsse um Mitternacht vor dem Bankschalter bei 14 Grad minus warm getreten haben. Andere veranstalteten Begräbnisse für die gute alte DM, wieder andere haben sich überlegt, ob da nicht von jedem Schein einer – nur zur Erinnerung – auf die Seite gelegt werden soll. Geld müssen diese Leute ja schon haben – alle DM-Noten ins Album oder in den Bilderrahmen eindrücken, das kostet bare Euros.

Doch aufgepasst: So der nächste Bildersturm kommt oder wieder eine Buchverbrennung zum Volksfest wird, sind die Noten eben futsch. Ist aber egal, das sind sie ja am 1.März definitiv auch.

 
 
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